Dromos Verlag

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Die Straße der verlorenen Träume – von Laura Kanert


Die Strasse der verlorenen Träume ist die Dokumentation einer verlorenen Kindheit. Ein Mädchen wächst behütet auf einem Gutshof in Ostpreußen auf, bis die Furie des Krieges dem kleinen Glück ein jähes Ende setzt. Das nationalsozialistische Regime hat durch strengen Befehl das Verlassen der Heimat lange verhindert. Es ist zu spät für eine geordnete Flucht, die Menschen geraten in die Fänge eines Feindes, der kein Erbarmen kennt. Das Mädchen wird Zeuge von unfaßlichen Greueltaten, erlebt brutale Gewalt am eigenen Leibe, bis schließlich unter chaotischen Umständen die Flucht gelingt. Es wird eine Odysee des Hungers und der Kälte, knapp überlebt das Mädchen mit Mutter und kleiner Schwester den Feuersturm in Dresden. In einer Kleinstadt in Thüringen versuchen sie, sich einzugewöhnen. Das Elend nimmt kein Ende, als die Stadt von russischem Militär besetzt und die Mutter zeitweise verschleppt wird. Als Ostflüchtling fühlt sich das Mädchen in der Schule und von den Spielkameraden ausgegrenzt.

Ihre Geschichte erzählt Laura Kanert in zeitlich aufeinanderfolgenden Episoden, beginnend mit den Erinnerungen an eine unbeschwerte Kindheit. Die Schreckenszeit wird in einer intensiven und doch sensiblen Sprache geschildert, deren Nähe den Leser betrofen macht. Am Ende unternimmt die Autorin den Versuch, ihr geliebtes Ostpreußen wiederzufinden. Was ihr begegnet, sind Kulisen, in denen fremde Menschen wohnen. Ihre Sprache, voller Trauer und Sehnsucht, ist ohne Haß.

Die Nische. Zeitgenössische Literatur im Verborgenen

(aus: Der Landungssteg von Nancy E. Kinney)

Herausgeber: Hans D. Pflug

Sie war an dem Landungssteg eine sehr lange Zeit nicht gewesen, konnte sich nicht aufraffen, dorthin zurück zu gehen, nachdem Brownie eingeschläfert worden war. In dem Augenblick zwischen Leben und Tod, hatte sie seinen Körper ein letztes Mal gestreichelt, ihm sein Halsband und die Hundemarke abgenommen und war dann heim gegangen, außerstande eine Träne zu vergießen. Sie war überrascht, als er nicht an der Tür erschien, um sie zu begrüßen. Erst als sie sein Spielzeug und seine Biskuits einem Nachbarhund gschenkt hatte, wurde ihr bewußt, Brownie würde nie mehr wieder kommen: sie hatte die falsche Entscheidung getroffen und ihn getötet. Hatte ihm genommen, was ihm an wenig Zeit noch übrig geblieben wäre, bis ihn ein natürlicher Tod erlöste. Brownie hätte ihr wahrscheinlich diese letzte Grausamkeit nachgesehen, sie selbst aber würde sich niemals verzeihen.

Die Brücke über den dunklen Strom (aus: Out of Dhaka)

In der letzten Zeit bemerkte er eine Wandlung an seiner Frau. Sie macht viele Fotos und läßt sich, etwas altbacken, im Bikini knipsen. Sie ist noch schlank, wirkt jugendlich, tanzt zum Spaß mit Eingeborenen, ißt mit ihnen aus einem Topf, fängt Piranhas. Sie hat eine neue Identität angenommen, über weite Räume und Zeiten von ihm, von ihrem knappen, gemeinsamen Alltag zu Hause getrennt. Neue Kochrezepte, neue Mixturen von Cocktails, vielleicht trinkt sie auch ab und zu ein Glas mehr. Sie ist Anfang fünfzig, er hat die sechzig überschritten. Sie ist in dem Alter, in dem sich glücklichere Ehefrauen der Sozialfürsorge oder bedrohten Tierarten zuwenden. Womit sie sich die Zeit vertreibt, ist ihm gleichgültig. Er hat begriffen: Es ist ein logisches Ende, was da kommt, längst nur noch eine Frage der Zeit, egal wieviel Jahre vergehen. Die Quantität der Zeit spielt keine Rolle.

Die anderen haben ihn satt, er hat sie auch satt. Wir sind quitt miteinander. Sich nicht mehr über den Weg laufen. Sein Schritt zögert, er lahmt, die Welt rückt von ihm ab, strebt einem fernen, verschwommenen Horizont zu. Das ist die Quintessenz der ganzen Strampelei, wenn man seinem Leben schließlich wie einem abfahrenden Zug nachblickt. Wohin aber jetzt? Er hört sich laut auflachen: Niemand in der Welt wird ihm dieses Bett, dieses Zimmer, diese Absteige streitig machen. Plaza Inn, Zimmer 403, Dhaka, Bangladesh. Der Manager wird keine Einwände haben, solange er die Miete zahlt. Er kann sich von seinem Ruhegehalt gewiß viele, viele, Übernachtungen in diesem Hause leisten. Der Hotelboy wird immer für ihn da sein, immer wieder betonen: Alles würde ich für Sie tun, Sir, wirklich alles, und ihn mit listigen, schwarzen Augen schräg von unten taxieren. Um sich abzulenken, versucht er sich vorzustellen, wie es mit dem Hotelboy hätte weiter gehen können. Als der die Hosen runter läßt, wendet er sich ab mit Ekel, der muffige Geruch des Bettes dringt in seine Nüstern, nur das Bettlaken mit dem Gesicht nicht berühren! Er kehrt in die starre Rückenlage zurück, über sich wieder den rhythmisch schwankenden Ventilator. Es ist eine Gefängniszelle, für einen Lebenslänglichen. Zuerst empfand er diese eine Nacht als unerträglich lang. Nun spekuliert er mit dem Gedanken, hier eine ewige, zeitlose Nacht zu verbringen. Den Rest seines Lebens.

Er will schlafen, nicht tief natürlich, nur kurz einnicken und dabei wachsam bleiben. Er starrt konzentriert auf die Glühbirne, ein Trick der Autosuggestion. Bald mischen sich fremde Elemente in die traumgesteuerte Abfolge von Bildern, die Logik gerät auf Abwege, er duselt ein und sieht noch immer die grelle Birne über sich. Er wandert auf dem Platz vor der Flughafenhalle im Kreis herum, mit seinem Gepäck in beiden Händen, sucht nach einem Schlupfloch, aber dichte Menschentrauben versperren ihm den Weg, er verliert die Orientierung. Er begreift die Symbolik: Er ist umzingelt, alle Fluchtwege nach außen blockiert. Die Nacht verwandelt sich in einen schwarzen Trichter, er wird hineingezogen, in den Wirbel des absoluten Nichts. Er spürt eine Enge in der Brust. Er wacht auf, als das Licht plötzlich ausgeht. Das Surren des Ventilators erstirbt. Die Nacht ist lau, nicht heiß, er braucht den Ventilator nicht. Er vermißt nur seine Gesellschaft, das gleichmäßige, schlurfende Kreisen der Flügel. Es ist jedoch stockfinster. Das Ziffernblatt seiner Uhr leuchtet nicht, er weiß nicht, wie spät es ist. Er ist hellwach. Noch immer die Trillerpfeifen, die fernen Stimmen, das Geräusch rückender Möbel. Mit dem Schlaf ist es jetzt vorbei.

Er geht einfach. Er geht weg. Mal sehen, was passiert. Er drückt seinem Leben die Passivform auf. Soll doch etwas mit mir geschehen, ich greife nicht ein. Sein Gepäck hat er in der Hotelhalle zurückgelassen. Es geht ihn nichts mehr an. Es ist ein wunderbarer Morgen, weich und samten, ein wenig feucht und kühl, nie ist es ihm aufgefallen, daß ein Morgen so schön sein kann. So klar und licht, als sei es der erste gelungene Tag der Schöpfung. Ja: Schönheit. Selbst die gelblichweiß verputzte, schon etwas abblätternde Fassade der Plaza Inn hat etwas von Schönheit. Er spürt beim Gehen keine Anstrengung, keine Spur von Müdigkeit nach der durchwachten Nacht. Es ist mehr ein Stillehalten als eine körperliche Bewegung. Ein Abwarten. Unbeteiligt und ganz entspannt sieht er sich die lehmige Straße entlang wandern, die von der Plaza Inn fort führt. Er selbst, als wäre er jemand anderer. Er lacht in sich hinein: Ein Niemand ohne Paß, ein Schrott von Leben hinter sich. Was nicht mehr gebraucht wird, hebt man schlechten Gewissens noch eine Weile auf, dann wirft man es zum Müll. Schluß damit. Eine neue Freiheit.